150 Jahre Forschung, Lehre und Innovation
16. und 17. Oktober 2015 - Weihenstephan, Freising

"Die Gründung des akademischen Brauwesens in Weihenstephan", die Geschichte der Studienfakultät, Teil 1

 

„Wenn heute nicht Weihenstephan wäre, könnte etwas Ähnliches an keiner anderen Stelle geschaffen werden“. Dieses Zitat von Prof. Paul Kulisch, Inhaber des Lehrstuhls für Wirtschaftslehre des Landbaus in den 1920er und 1930er Jahren, drückt wohl wie kaum ein anderer Ausspruch aus, was viele Menschen, die einmal in Weihenstephan waren, denken.

So ergeht es auch uns, den Verfassern dieses und dreier weiterer Artikel, welche die Entwicklung der 150-jährigen Geschichte des akademischen Brauwesens in Weihenstephan beleuchten wollen. Wir erarbeiten einen kleinen Abriss über die Geschichte des Brauwesens in Weihenstephan und versuchen Parallelen in die Gegenwart bzw. auch in die Zukunft zu ziehen. Der erste Artikel sowie zwei weitere beschäftigen sich vor allem mit den Anfängen der Lehre des Brauwesens. Der letzte Artikel, welcher zur Jubiläumsfeier im Oktober erscheinen wird, soll die gegenwärtige Situation und die Ausrichtung für die Zukunft beleuchten. Diese Artikelserie soll dem interessierten Leser auch Lust auf unsere Chronik und


Abbildung 1: Das Kloster Weihenstephan im Mittelalter

Festschrift machen, die wir im Rahmen der 150-Jahr-Feier am 16./17. Oktober 2015 auflegen werden. Dort werden Historie, Lehrstühle und weiteres Wissenswertes zu unserer Studienfakultät in umfangreicher Lektüre zusammengetragen sein. In diesem ersten Artikel wollen wir vor allem die Zeit von der Säkularisation in Bayern 1803 bis zum Jahr der Hundertjahrfeier der Fakultät, 1965, erörtern.

Doch gehen wir nun gut 200 Jahre zurück: Das Benediktinerkloster Weihenstephan, in welchem schon seit 1040 Bier gebraut wurde, ist im Rahmen der Säkularisation 1803 in den bayerischen Staat überführt worden. Die Einrichtungen des Klosters wurden nun vom Staat genutzt. Im angeschlossenen Landwirtschaftsbetrieb wurde von Dr. Max Schönleitner eine Musterlandwirtschaft eingerichtet und eine Landwirtschaftsschule geschaffen. Die Brauerei und die Brennerei innerhalb des Betriebes eröffneten auch die Möglichkeit, die Technologie des Brauens und Brennens zu lehren. Die Geschichte der Schule war wechselvoll und mit vielen Problemen begleitet. So erfolgte 1822 ein Umzug nach Schleißheim und 1852 wieder zurück nach Weihenstephan. Dr. Martin Knobloch richtete damals neben der bestehenden Staatsbrauerei eine kleine Versuchsbrauerei ein. Als Nachfolger von Dr. Knobloch wurde Dr. Carl Lintner bestellt, welcher die Technologiekurse für Brauerei, Brennerei, Molkerei und Rübenzuckerfabrikation einführte.

Lintner gründete dann 1865 den ersten „Brauer Cursus“, der heute als Ursprung der nachfolgenden Studienfakultät Brau- und Lebensmitteltechnologie der Technischen Universität München (TUM) gilt. Schon damals war das Studium, von seinen Inhalten gesehen, dem heutigen ähnlich aufgebaut: Grundlagen in Mathematik, Chemie, Zeichnen, Baukunde, Maschinenkunde und Brauereitechnologie. Ebenso waren damals wirtschaftswissenschaftliche Themen wie Buchführung und Volkswirtschaftslehre Teil des Studienprogramms. Ein spezieller Vorkurs mit den Landwirten zusammen sollte vertiefendes Wissen in Chemie, spezieller Chemie und Technologie vermitteln. Als Studienzugangsvorrausetzungen waren eine „entsprechende Schulbildung“ und ferner eine praktische Lehrzeit (von mindestens zwei Jahren) Grundvoraussetzung. Der Brauer Cursus umfasste damals nur ein Semester und nach einer schriftlichen, mündlichen und praktischen Abschlussprüfung erhielten 1866 sieben Technologen ein Braumeisterdiplom. An dieser Stelle können schon erste Gemeinsamkeiten zur aktuellen Lehrsituation gezogen werden. Die entsprechende Schulbildung besteht heute aus mehreren Möglichkeiten: Abitur, Fachabitur, ein Meisterbrief oder drei Jahre Berufserfahrung als Geselle sind die Wege an die Studienfakultät. Für Studienanfänger ohne Lehre sind nach wie vor ein Vorpraktikum und ein Industriepraktikum während des Studiums Pflicht.

Bereits 1870 wurde angedacht, die Musterschule zur Akademie zu erheben, was aber erst 1895 mit der Königlich Bayerischen Akademie für Landwirtschaft und Brauereien verwirklicht wurde. Eine der Voraussetzungen für die Erhebung zur Akademie war es, die Eingangsvoraussetzungen zu erhöhen. Es wurde die Mittlere Reife als schulischer Abschluss definiert und eine mindestens vierjährige Praxis verlangt. Das Studium umfasste zwei Semester und begann im Wintersemester. Die Wochenstunden betrugen im Wintersemester 54,5 Stunden und im Sommersemester 40 Stunden. Dies bedeutete eine gehörige Belastung sowohl für Studierende als auch für Lehrende. Das Spektrum der Fächer umfasste nun auch Biologie und Energielehre.

Der damalige Leiter der Akademie, Prof. Hans Vogel, leitete 1901 die Trennung von Landwirtschaft und Brauerei in verschiedene Abteilungen ein. Theodor Ganzenmüller, seit 1889 als Assistent tätig und 1894 zum Professor ernannt, wurde die Leitung der Brauereiabteilung anvertraut. Prof. Vogel holte bereits 1892 die Versuchsstation für Brauerei nach Weihenstephan und hielt unter anderem Kurse für Brauereibesitzer und Braumeister ab, um die Fortbildung dieser in der Praxis stehenden Personen zu ermöglichen. Dies war ein wichtiger Schritt, um die Institute in Weihenstephan als wichtigen Mittler zwischen Theorie und Praxis zu etablieren. Heute können diese Kurse als Vorgänger und Inspiration für die Technologischen Seminare am Lehrstuhl für Brau- und Getränketechnologie gesehen werden, welche 1967 von Prof. Ludwig Narziß eingeführt wurden.


Abbildung 3: Der Weihenstephaner Berg in den 1920er Jahren

Die Zahl der Studierenden im Bereich des Brauwesens lag von 1875 bis 1900 zwischen 30 und 40. Interessant ist der hohe Ausländeranteil von damals. Gerade 20 % der Studenten waren einheimisch, was aber zum Teil daran lag, dass jeder außerhalb Bayerns als Ausländer geführt wurde. Erst um 1900 stieg der Anteil der Bayern auf bis zu 40 %. Der Großteil der nicht-bayerischen Studierenden kam aus dem Rest Deutschlands, aus Österreich-Ungarn und der Schweiz.

Von 1901 bis 1906 wurde die neue Versuchsbrauerei an dem Ort errichtet, wo sie auch heute noch Bestand hat und 2006 – genau 100 Jahre danach – mit dem aktuellen Sudhaus und einer neuen Ausstattung gestaltet wurde.

Im Jahre 1912 wurde ein weiteres freiwilliges Studienjahr eingeführt. Dieses endete mit dem Abschluss als „Betriebskontrolleur“. Im Januar 1920 verfügte das Staatsministerium für Unterricht und Kultus, dass Weihenstephan die Bezeichnung „Hochschule für Landwirtschaft und Brauerei“ zu führen habe. Der zweisemestrige Studiengang wurde auf vier Semester erweitert und verliehen von da an den Titel „Staatlich geprüfter Braumeister“. Absolventen mit Note 1 konnten mit einer „Ingenieur-Arbeit“ im fünften Semester den Titel „Staatlich geprüfter Brauereiingenieur“ erwerben. Nach einer Neuordnung des Studiums wurde dieses um zwei Semester, also nun insgesamt sechs, erweitert. Für dieses neue Studium benötigte man nur ein Jahr Industriepraxis, jedoch die Hochschulreife. 1924 wurde der Hochschule dann das Promotionsrecht verliehen. In dieser Zeit entwickelten sich vor allem die Studentenzahlen äußerst positiv. So waren Anfang der 20er Jahre 74 Studierende eingeschrieben, 1930 hingegen schon 198.

Das Studium war bereits damals dem derzeitigen Studium in Weihenstephan sehr ähnlich. Das erste Jahr bestand aus Grundlagenfächern, die in Vorlesungen, Übungen und Praktika unterteilt wurden. Im Anschluss daran gab es eine Vorprüfung und man konnte ins zweite Studienjahr übergehen. Hierauf folgten die technologischen, analytischen, mikrobiologischen, technischen und wirtschaftswissenschaftlichen Themen, woraufhin die Hauptprüfung für Braumeister abgehalten wurde. Das dritte Studienjahr zum Ingenieur setzte die Schwerpunkte in Vertiefungsfächern (heute Wahl- und Wahlpflichtfächer), und so konnten sich die Studierenden schon damals eine (bescheidene) Spezialisierung erarbeiten. Auch wenn nicht alle Bereiche der Ausbildung es ins 21. Jahrhundert geschafft haben, wie z.B. die Gespannviehkunde von Prof. J. Spann, so ist doch die Deckung der Themen von damals zu heute sehr groß.

Abbildung 4: Würzepraktikum mit Prof. Leberle, 1933
Abbildung 4: Würzepraktikum mit Prof. Leberle, 1933

Diese Grundform des Studiums ist auch heute wiederzufinden. Im Bachelorstudium ist das erste Jahr von Grundlagenfächern geprägt, das zweite und dritte Jahr bilden die Ingenieursausbildung und die fachbezogenen Themen. Ebenso wie damals ist auch heute die breite Fächerung des Studiums über viele Fachgebiete hinweg ein Erfolgsgarant für das Studium. Die Weiterführung des Studiums in den damaligen einjährigen Ingenieur erfolgt heute in einem zweijährigen Masterstudium, in welchem sich die Studierenden spezialisieren und ein Profil bilden können. Schon damals festigte diese Form der Ausbildung den guten Ruf der Ausbildung Weihenstephans in Deutschland und der Welt.

1930 wurde Weihenstephan in die Technische Hochschule München (später Technische Universität München) eingegliedert. Die Zulassungsvoraussetzungen haben sich seit damals kaum geändert, jedoch die Durchlässigkeit vom Braumeister (Mittlere Reife) zum Ingenieur wurde erschwert. Nach dem zweiten Weltkrieg wurden 1946 unter größten Bemühungen die alten Studiengänge wieder eingeführt. Die Abschlüsse damals waren der „Diplombraumeister“ und der „Diplom-Brauerei-Ingenieur“. Der „Diplom-Braumeister“ als Titel existiert nach wie vor an der TUM und darf in Bayern nur an dieser verliehen werden. Beim Ingenieur regte sich aber bald der Wunsch, das Studium von sechs auf acht Semester auszuweiten und den Titel des „Diplom-Ingenieurs“ einzuführen. Dies fand 1958 statt. Vorrausetzung hierfür war, nach Forderung der Hochschulleitung, im Grundstudium die Ingenieursausbildung zu vertiefen. So wurden Mechanik und Mathematik im Curriculum verstärkt. Durch diese Entwicklung war somit ein direkter Umstieg vom kleinen auf den großen Brauer nicht mehr möglich (ohne das Studium des Ingenieurs von vorne zu beginnen). Diese Verfahrensweise zog sich bis ins Jahr 2009 hinein. Im Rahmen der Bologna-Reform und der Umstellung auf das System der Bachelor- und Masterstudiengänge wurde auch der „Diplom-Braumeister“ angepasst. Nun können „Diplom-Braumeister“ durch Nachholen der fehlenden Fächer in ein bis zwei Semestern den Umstieg auf den Bachelor wagen. Die Durchgängigkeit ist nun vom „Diplom-Braumeister“ bis zum Masterabschluss ohne größere Zeitaufwände gegeben.

Der damals neue achtsemestrige Studiengang bot nun im dritten und vierten Studienjahr ausreichend Wahl- und Spezialisierungsmöglichkeiten. Damals wie heute gilt, dass jeder Absolvent, ungeachtet seiner Spezialisierung, als vollwertiger Brautechnologe die Universität verlässt.

Noch etwas unterrepräsentiert waren die Dissertationen in Weihenstephan nach Verleihung des Promotionsrechtes. Von 1925 bis 1945 wurden gerade einmal zehn Promotionen durchgeführt. Viele Lehrstühle hatten für Forschungsarbeiten keine Mittel zur Verfügung und die Budgets der Institute reichten knapp für die Aufrechterhaltung der Lehre. Ebenso war die Nachfrage der Industrie nach promovierten Brauern noch recht bescheiden. Nach dem zweiten Weltkrieg wurden durch den „Forschungspfennig“ der „Deutschen Gesellschaft zur Förderung der Brauwissenschaft“ des Deutschen Brauerbundes die Mittel für Forschungs- und Promotionsarbeiten erhöht und konnten somit vermehrt durchgeführt werden. Es wurden auch Spenden und Sonderförderungen nach Weihenstephan gebracht und die Lehrstühle erhielten so mehr Mittel für die Forschung.

Bis zur 100-Jahr-Feier der Fakultät für Brauwesen im Jahr 1965, haben sich die Strukturen der damaligen Fakultät für Brauwesen, den heutigen schon sehr angenähert. Die Fakultät bestand aus acht Lehrstühlen. Als Studiengänge gab es den „Diplom-Braumeister“ und den „Diplom-Ingenieur für Brauwesen“. Unter dem Dekanat von Prof. Engerth wurde der Festakt im Herkulessaal des Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus in München abgehalten. Die Festrede hielt damals schon Prof. Narziß als jüngst berufener Professor, welcher seit 1964 den Lehrstuhl für Technologie der Brauerei I innehatte. Prof. Narziß organisierte dann ebenso als Dekan der Fakultät im Jahr 1990 die 125-Jahr-Feier. Bis zu seiner Emeritierung  1992  wirkte er in Weihenstephan. Aber auch heute, mehr als 20 Jahre danach, ist Prof. Narziß als tatkräftiger Mentor, Berater und Botschafter für das akademische Brauwesen an der TUM sowie als  Unterstützer für die 150-Jahr-Feier der Studienfakultät tätig.

An dieser Stelle wollen wir unseren geschichtlichen Abriss pausieren und auf die nächste Veröffentlichung verweisen in welcher vor allem die Jahre 1965-1990 und die Entwicklung der Forschungsinstitute bzw. Lehrstühle aber auch die Einführung der Lebensmitteltechnologie in Weihenstephan erörtert wird. Detailliertere Ausführungen zur Geschichte wird es dann, wie eingangs erwähnt, in der im Laufe des Jahres erscheinenden Festschrift nachzulesen geben.

Autoren:
Matthias Ebner, Organisationsbeauftragter der 150-Jahr-Feier, Studienfakultät Brau- und Lebensmitteltechnologie
em. Prof. Dr. Ludwig Narziß, Lehrstuhl für Brau- und Getränketechnologie
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